28.08.2013 - Wie man mit Halbwahrheiten Politik macht

Wie man mit Halbwahrheiten Politik macht

28 Aug 2013   | Autor: Jens Mellin

Der eine oder andere wird schon von der Pressemeldung des französischen Verbraucherinstitut “l’Institut national de la consommation – L’INC” gehört oder gelesen haben. Das L’INC hat in seiner hauseigenen Zeitschrift “60 Millions de consommateurs” einen Artikel veröffentlicht, in dem über das Untersuchungsergebnis von zehn EZigaretten berichtet wurde.1

Dieser Artikel ging relativ schnell um die Welt und so hat z.B. die englische “Daily Mail” aufgrund dieses Artikels geschrieben: “Studie behautpet: EZigaretten sind so schädlich wie Zigaretten und könnten Krebs verursachen“. Was jedoch durch eine Beschwerde beim englischen Presserat durch Clive Bates mittlerweile zu “EZigaretten enthalten Chemikalien, die einige (EZigarette) -so schädlich wie normalen Tabak- machen” geworden ist.2

Beide Überschriften der “Daily Mail” sind übrigens falsch: Die Untersuchungsergebnisse des L’INC belegen weder die alte noch die neue Fassung! Wie ich darauf komme?

Zunächst die Fakten

Bei den Untersuchungen des L’INC wurden die EZigaretten an eine “Rauchmaschine” angeschlossen und dann der Dampf der EZigaretten gesammelt. Dafür wurde die Rauchmaschine so programmiert, dass sie alle 30 Sekunden einen “Atemzug” von 3 Sekunden simulierte. Leider veröffentlichte das L’INV bis dato nicht, wie viel Dampf die Rauchmaschine in diesen 3 Sekunden entnommen hat – Es fehlt also das Volumen! Wie wichtig das Volumen für solche Messungen ist, habe ich vor längerer Zeit in der Faktenbasierten Ausarbeitung zur EZigarette auf Seite 19 und auch hier in einem Blogbeitrag dargelegt. Der dort zitierte Wissenschaftler Uchiyama hatte für seine Untersuchungen die Rauchmaschine so umprogrammiert, dass dermaßen an der EZigarette “zog”, dass ein Mensch eine Minute pausenlos direkt auf Lunge ziehen müste, um diese Rate zu erreichen. Damit wurde die EZigarette bei Uchiyama außerhalb der Spezifikationen betrieben und zwangsläufig der Verdampfer überhitzt. Welche Dampfmenge das L’INC entnommen hat, bleibt also erst einmal im dunklen.

Aber das sind Nebenschauplätze. Interessant ist, was als Ergebnis bei der Messung herausgekommen ist!

Die ganze Wahrheit

Das Magazin hat die Messergebnisse Online bereit gestellt:3

Formaldehyd: 0,2 bis 11,3 Mikrogramm, je nach der Marke
Acetaldehyd: 0,1 bis 13,5 Mikrogramm, je nach der Marke
Acrolein: 0,1 bis 4,4 Mikrogramm, je nach der Marke
Nickel: 0,2 bis 12 Nanogramm, je nach der Marke
Chrom: 1 bis 6,7 Nanogramme, je nach der Marke

Schauen wir uns zunächst die Ergebnisse von Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein näher an und Vergleichen diese mit den Mengen dieser Stoffe im Rauch einer Tabakzigarette:4

 
L'INC EZigarette
Rauch einer Tabakzigarette
Formaldehyd 0,2 - 11,3 Mikrogramm 70 bis 100 Mikrogramm
Acetaldehyd 0,1 bis 13,5 Mikrogramm 500 bis 1000 Mikrogramm
Acrolein 0,1 bis 4,4 Mikrogramm 60 bis 100 Mikrogramm

Damit wären bis zu

  • 350 mal weniger Formaldehyd bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.
  • 5000 mal weniger Acetaldehyd bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.
  • 600 mal weniger Acrolein bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.

Aus diesen Zahlen kann man bei weitem nicht ein “genau so schädlich” herbei fabulieren, sondern eher ein “Die Zigarette ist erheblich weniger schädlich als eine Tabakzigarette”!

Aber gut… Das waren ja noch nicht alle Ergebnisse – Es fehlen noch Nickel und Chrom! Bei diesen beiden Stoffen vergleiche ich die EZigarette nicht mit der Tabakzigarette, sondern mit einem Produkt, dass erheblichen Auflagen ausgestattet ist: Inhalationsarzneimittel!

Für Arzneimittel gibt es die USP-Standards. Diese geben an, welche die maximal erlaubte Tagesdosis für die Stoffe/Metalle in Inhalationsarzneimitteln und damit unbedenklich ist. Laut den “United States Pharmacopeial Convention, Revision Bulletin, Elemental Impurities–Limits, February 1, 2013” wären als Tagesdosis maximal in Inhalationsarzneimitteln erlaubt:

Chrom: 25 Mikrogramm
Nikel: 1,5 Mikrogramm

Da die Angaben des L’INC in Nanogramm sind, müssen wir diese erst einmal in Mikrogramm umrechnen, um sie dann der maximalen Tagesdosis gem. USP-Standards für Inhaltionsarzneimittel gegenüber zu stellen:

 
L'INC EZigarette
USP-Standards
Chrom 0,001 bis 0,0067 Mikrogramm 25 Mikrogramm
Nickel 0,0002 bis 0,012 Mikrogramm 1,5 Mikrogramm

Damit wären bis zu

  • 125 mal weniger Nickel bei der EZigarette gemessen worden als in Inhalationsarzneimitteln als Unbedenklich gilt.
  • 3731 mal weniger Chrom bei der EZigarette gemessen worden als in Inhalationsarzneimitteln als Unbedenklich gilt

Und mit der Präsentation dieser Ergebnisse versucht man zur Zeit die Abstimmung im EU-Parlament und die Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen:

Eine Handvoll Stoffe im Kleinstbereich – Welche sogar noch unterhalb der Obergrenzen der Arzneimittelstandards liegen – Gegenüber den über 9600 chem. Verbindungen die man bis dato im Tabakrauch identifzieren konnte.5

Wem wollen “die” das verkaufen? Politkern?

Das traurige daran ist: Kein Journalist schaut hinter die Zahlen und beleuchtet was diese überhaupt bedeuten – Da ist die Sensationsschlagzeile viel wichtiger!

Traurig!

-------------------------

  1. 60 Millions de consommateurs – Pas si inoffensive, la cigarette électronique 

  2. Clive Bates: Lazy, stupid, wrong – the Mail can’t stop itself 

  3. “60 Millions de consommateurs – Cigarette électronique : les 7 questions que vous vous posez” 

  4. “Wikipedia: Tabakrauch” 

  5. “Alan Rodgman; Thomas A. Perfetti: The Chemical Components of Tobacco and Tobacco Smoke, Second Edition” 

Quelle: Rursus Blog