Das sagt die Wissenschaft

Autor: Hannes Maukner (Diese Seite als PDF.)

Märchen 1: Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es nicht

Es gibt eine ganze Menge wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema elektronische Zigarette. Die be­kannteste und umfassendste stammt von der Boston University School of Public Health (BUSPH). Ihr Autor ist Michael Siegel, „professor of community health sciences at BUSPH“ [1]. Sein Co-Autor war dabei Zachary Cahn vom Department of Political Science der Universität Berkeley.

Auszüge aus dieser Studie geistern unter dem Titel „Forscher behaupten, dass die elektronische Zigarette viel sicherer ist als die Zigarette“ seit Langem durch die Online­welt. Erschienen ist sie ursprünglich im wissenschaftlichen Magazin „Journal of Public Health Policy“. Es gibt sie aber auch in einer kompletten Fassung online [2].

Märchen 2: Niemand weiß, was in der e-Zigarette enthalten ist

Siegel und Cahn führen in ihrer Studie 16 verschiedene Untersuchungsberichte über die Inhaltsstoffe elektronischer Zigaretten an. Dabei wurden 18 Produkte mittels Gaschromatografen-Massenspektrometrie untersucht. In allen wird festgestellt, dass in den e-Zigaretten im Wesentlichen Propylenglycol (PG), Glycerin und Nikotin enthalten ist. 16 e-Zigaretten waren vollkommen unbedenklich. Nur in zweien wurden möglicherweise gesundheitsschädliche Substanzen gefunden: In diesen Proben waren Tabak-spezifische Nitrosamine (TSNA) enthalten [3, 4].

Aber selbst die beiden TSNA-Zigaretten enthielten maximal 8,2 Nanogramm TSNA pro Gramm. Das entspricht exakt dem TSNA-Gehalt der von diversen Pharmakonzernen vertriebenen Nikotinpflaster. Herkömmliche Zigaret­ten enthalten allerdings 500 bis 1.400 Mal so viel TSNA wie Nikotinpflaster und diese beiden elektronischen Ziga­retten. Die in Apotheken erhältlichen Nicorette-Kaugum­mis enthalten übrigens ebenfalls TSNA.

Märchen 3: Die e-Zigarette wirkt durch ihren Nikotingehalt

In einer Studie wird behauptet, dass nikotinhaltige e-Zigaretten als Nikotinlieferanten ähnlich wirken wie die bekannten Nicorette-Inhaler, allerdings weit geringer als herkömmliche Zigaretten [5]. Mehrere andere hingegen kommen zu dem Schluss, dass nicht das Nikotin in der elektronischen Zigarette das Verlangen der Ex-Raucher nach einer Zigarette dämpft, sondern die Vorstellung, nach wie vor die gewohnte Zigarette in der Hand zu haben.
  Denn die elektronische Zigarette beseitigt das Verlangen nach dem Rauchen auch dann, wenn sie gar kein Nikotin enthält. Zwei Untersuchungen wiesen nach, dass elektronische Zigaretten ohne Nikotin diesen Effekt noch stärker auslösen als e-Zigaretten mit Nikotin [7, 8].

Die Verfasser einer weiteren Studie stellen fest, dass diese nikotinlosen e-Zigaretten einen entscheidenden Fortschritt gegenüber der herkömmlichen Ersatztherapie mit Nikotin darstellen. Sie erwarten, dass durch das „Rauch“-Gefühl der e-Zigaretten die Entzugsprobleme ehemaliger Raucher behoben werden können. [8]

Märchen 4: Die e-Zigarette bringt die Jugendlichen zum Rauchen

Der langjährige Tabakgegner Michael Siegel sagt über diese Verschwörungstheorie lediglich: „Es existieren keinerlei Hinweise darauf, dass Jugendliche oder Nichtraucher elektronische Zigaretten verwenden“ [2]. Er zitiert dazu seinen Kollegen David Sweanor von der Universität Ottawa: Elektronische Zigaretten sind „exakt das, was die Ta­bakindustrie die ganzen Jahre befürchtet hat“ [9].

Die e-Zigarette sieht Siegel daher, ganz anders als die Pharmaindustrie, als Konkurrenten der Zigarettenhersteller. Er kritisiert aber auch die amerikanischen Gesundheitsbehörden, die mit Unterstützung der Tabakindustrie und der Pharmakonzerne gegen dieses Produkt zur Bekämpfung des Rauchens zu Felde ziehen. Freilich hat die Pharmabranche einiges zu verlieren. Sie verdient mit Nikotinersatzprodukten jährlich drei Milliarden Dollar [10].

Märchen 5: Wissenschafter sind gegen die e-Zigarette

Der führende Nikotin-Bekämpfer Dr Joel Nitzkin schickte einem e-Zigaretten-Gegner im Senat einen wütenden Protestbrief: Jährlich sterben in den USA 400.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Elektronische Zi­garetten wären eine Alternative, daher möge der Senator diese Unterstützung der Tabakindustrie sofort einstellen [11].

Märchen 6: In der e-Zigarette steckt eine Menge Sondermüll

In den Verdampfern wird ein Heizdraht aus Kanthal verwendet. Das ist eine Legierung von Eisen, Aluminium, Nickel und Kupfer. Heizleiter aus diesem Material sind auch in vielen Haushaltsgeräten, zum Beispiel in Elektroherden, Toastern und Haarföns, eingebaut. Zur Energieversorgung werden in e-Zigaretten Lithium-Ionen-Akkus verwendet. Sie finden sich in Mobiltelefonen, Kameras und Taschenlampen.



1) http://sph.bu.edu/index.php?option=com_sphdir&id=239&Itemid=340&INDEX=677

2) http://www.hsph.harvard.edu/centers-institutes/population-development/files/article.jphp.pdf

3) B. J. Westenberger, (2009) Evaluation of e-Cigarettes. St Louis, MO: Department of Health and Human Servi­ces, Food and Drug Administration, Center for Drug Evaluation and Research, Division of Pharmaceutical Analysis, http://truthaboutecigs.com/science/2.pdf

4) M. Laugesen, (2008) Safety Report on the Ruyan e-Cigarette Cartridge and Inhaled Aerosol. Christchurch, New Zealand: Health New Zealand, http://www.healthnz.co.nz/RuyanCartridgeReport30-Oct-08.pdf

5) T. Eissenberg (2010) Electronic nicotine delivery devices: Ineffective nicotine delivery and craving suppression after acute administration. Tobacco Control 19(1): 87–88.

6) C. Bullen, H. McRobbie, S. Thornley, M. Glover, R. Lin, und M. Laugesen (2010) Effect of an electronic nicotine delivery device (e cigarette) on desire to smoke and withdrawal, user preferences and nicotine delivery: Randomised cross-over trial. Tobacco Control 19(2): 98–103.

7) S. P. Barrett, (2010) The effects of nicotine, denicotinized tobacco, and nicotine-containing tobacco on cigarette craving, withdrawal, and self-administration in male and female smokers. Behavioral Pharmacology 21(2): 144–152.

8) A. R. Buchhalter, M. C. Acosta, S. E. Evans,A. B. Breland,T. Eissenberg, (2005) Tobacco abstinence symptom suppression: The role played by the smoking-related stimuli that are delivered by denicotinized cigarettes. Addiction 100(4): 550–559.

9) B. Denmick, (2009) A high-tech approach to getting a nicotine fix. Los Angeles Times, 25 April, http://articles.latimes.com/2009/apr/25/world/fg-china-cigarettes25

10) Andrew Mickey, (2009) Big tobacco beware, the next big stock story could involve e-cigarettes. Seeking Alpha, 12 April, http://seekingalpha.com/article/130595-big-tobacco-beware-thenext-big-story-stock-could-involve-e-cigarettes, accessed 2 January 2010.

11) http://www.ecigarettedirect.co.uk/campaign/lautenberg-letter.html (Link auf Anweisung von ecigarettedirect.co.uk entfernt, bitte manuell eingeben)